Indien: Suizidwelle für Telangana dauert an
Mit der Selbstverbrennung von Mohammed Bouazizi, die im Dezember 2010 eine Revolte in Tunesien und anderen Ländern auslöste, begannen auch die Medien, sich wieder für die Geschichte der Selbstverbrennung zu interessieren. Einen interessanten Überblick dazu bieten beispielsweise ein Artikel von CNN und einer der Basler Zeitung. Diese beschränken sich jedoch darauf, die bekanntesten Fälle der letzten Jahrzehnte zu erwähnen. Sie versäumen es, darauf hinzuweisen, dass politisch motivierte Selbstverbrennungen weitaus häufiger sind als die meisten Menschen glauben. Seit den sechziger Jahren gab es mehrere hundert Fälle dieser extremen Form der politischen Kommunikation, vielleicht sogar mehrere tausend. Auch gibt es zahlreiche andere Protestsuizide, die nicht mit dem Mittel des Feuers vollzogen werden, sondern z.B. durch Erhängen, Erschießen oder Vergiften.
Von den deutschsprachigen Medien fast gänzlich missachtet wird etwa die Suizidwelle von Anhängern eines unabhängigen Bundesstaates Telangana, das vom indischen Andhra Pradesh getrennt werden soll. Über diese Suizidwelle und ihre gesellschaftlichen Hintergründe habe ich bereits in einem früheren Blogbeitrag berichtet.

Kundgebung für Telangana, im Hintergrund eine Statue Mahatma Gandhis. Quelle: The Hindu
Eine weltweit einzigartige Besonderheit dieser Suizidwelle ist nicht nur ihre extrem hohe Opferzahl – möglicherweise über 200 Verstorbene –, sondern auch ihre enorme Dauer. Sie begann bereits im November 2009 und dauert bis in die Gegenwart an. Zwischen den Suiziden lag manchmal ein Abstand von bis zu einem Monat, an manchen Tagen kam es jedoch gleich zu mehreren Selbsttötungen. Die Fortdauer der Suizide wurde sicherlich auch durch das Verhalten der indischen Regierung bedingt. Zunächst kündigte sie die Gründung eines neuen Bundesstaates an. Etwas später setzte sie eine Kommission ein, die über die Teilung Andhra Pradeshs entscheiden hätte sollen. Stichtag der Entscheidung war im Januar dieses Jahres. Die Kommission traf jedoch keine eindeutige Entscheidung, sondern machte nur verschiedene Vorschläge, wodurch der Status quo erhalten blieb. Als Reaktion darauf kam es erneut zu mehreren Protestsuiziden von Seiten enttäuschter Telangana-Anhänger. Beispielsweise verbrannte sich am 20. Februar 2011 der 40-Jährige Photograph, Congress-Aktivist und Familienvater Mohdi Mustafa. Vor seinem tödlichen Schritt hinterließ er einen vierseitigen Abschiedsbrief, in dem er alle Menschen dazu aufrief, unabhängig von der Parteizugehörigkeit für ein eigenständiges Telangana zu kämpfen.
