Suizidwelle in Andhra Pradesh – Indien
Während die Augen der Welt – zu Recht – auf die Suizidserie beim Apple-Zulieferer Foxconn gerichtet sind, bleibt eine weitaus größere Welle an Freitoden im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh fast gänzlich unbeachtet von den Medien. Seit November letzten Jahres versuchten dort mindestens 200 Menschen sich selbst zu töten, wobei sie erhofften, die Gründung eines neuen Bundesstaates namens Telangana zu erzwingen.
Suizidwellen in Indien
Es ist keines Wegs das erste Mal, dass es in Indien zu einer Suizidserie dieses Ausmasses kommt. Zu beobachten war diese Phänomen bereits in den sechziger Jahren. Auslöser sind häufig Auseinandersetzungen über das Kastensystem oder regionale Nationalismen. So töteten sich 1965 acht Menschen in Tamil Nadu als Hindi das Englische als Amtssprache ersetzte, 1990 starben mehr als 220 hochkastige Studenten, um ihren Protest gegen die Pläne der Regierung, 27 % aller staatlichen Stellen für Angehörige der niederen Kasten zu reservieren, auszudrücken. Zu Beginn des Jahres 2009 versuchten mehr als zwanzig Menschen, sich selbst zu verbrennen, um so die Regierung Sri Lankas dazu zu bringen, ihren Krieg gegen die tamilische Zivilbevölkerung aufzugeben. Keine dieser Suizidserien dauerte jedoch so lange wie die aktuelle im Kontext des Telangana-Konflikts.
Soziopolitischer Hintergrund des Konflikts
Alles begann im Jahre 1953 mit Potti Sriramulu. Der Mitstreiter Gandhis begann damals ein Todesfasten und forderte, dass auf dem Territorium von Madras ein neuer Bundesstaat für Telegu-Sprecher geschaffen werden solle. Nehru, der damalige Premierminister, weigerte sich strikt Zugeständnisse zu machen und so verstarb Sriramulu am 56. Tag seines Hungerstreiks. Die anschließende Welle der Entrüstung und gewalttätige Ausschreitungen zwangen die Zentralregierung jedoch dazu einzulenken und die Schaffung eines neuen Bundesstaates bekannt zu geben. So wurde 1956 der Telegu-Staat Andhra Pradesh geschaffen, der sich aus drei unterschiedlichen Territorien zusammensetzte.
Dies führte jedoch zum Unmut der Bewohner der Telangana-Region, die sich bei der Vergabe von staatlichen Stellen und anderer Ressourcen benachteiligt sahen. Aus diesem Grund formierte sich eine Unabhängigkeitsbewegung, die ihren Höhepunkt im Jahre 1969 hatte, wo etwa 350 Menschen bei Auseinandersetzungen mit der Polizei ums Leben kamen. Die kollektive Frustration blieb auch in den kommenden Jahrzehnten bestehen, doch die Bewegung verschwand fast völlig.
Beginn der Selbsttötungen
Erst in den letzten Jahren stand die Bewegung durch die neu gegründete separatistische Partei Telangana Rashtra Samithi (TRS) unter der Führung von K. Chandrasekhara Rao, genannt KCR, wieder auf. Am 29.11. kündigte dieser an, so lange auf Nahrung zu verzichten, bis ein unabhängiges Telangana gegründet werde. Schon am ersten Tag seines Todesfastens wurde er von der Polizei festgenommen und ins Gefängnis gesteckt und später in einem Krankenhaus zwangsernährt. Die Anklage lautete unter anderem versuchter Selbstmord, der eine Straftat unter Paragraf 309 im indischen Strafgesetzbuch darstellt. Jetzt begann eine Welle von Suizidversuchen aus Protest gegen KCRs Festnahme und mit der Forderung nach einem unabhängigen Telangana. Zumeist Männer zwischen jungem und mittlerem Alter setzten sich selbst in Brand, stürzten sich von Wasserreservoirs, erschossen sich, erhängten sich oder versuchten sich mit Pestiziden zu vergiften. Über viele von ihnen wird berichtet, dass ihre letzten Worte Jai Telangana! („Es lebe Telangana!“) gelautet haben sollen. Andere erläutern das Motiv für ihre Tat in einem Abschiedsbrief. So schrieb Bhooma Reddy, ein 24-jähriger Student, der sich am fünften Januar in seinem Zimmer erhängte, vor seinem Tod: „Ich opfere mein Leben für die Sache von Telangana (…) Ich appelliere an die Zentralregierung, unverzüglich Telangana zu schaffen, ansonsten werden weitere Studenten so wie ich diesen fatalen Schritt gehen.“
Zeitgleich zu den Suiziden gab es Unruhen, bei denen Studenten und TRS-Mitglieder Busse in Brand setzen, Statuen von Potti Sriramulu kaputt schlugen, staatliche Einrichtungen und Büros feindlicher Parteien verwüsteten und sich Straßenschlachten mit der Polizei lieferten.

Zerstörung eines Busses

Telangana Jai ("Telangana lebe")
KCR führte sein Todesfasten fort und erreichte bald einen lebensbedrohlichen Zustand, da er Diabetiker ist. Aufgrund des Ausnahmezustands in der Region und um keinen Märtyrer zu schaffen gab die indische Regierung klein bei und gab am elften Tag von KCRs Hungerstreik die baldige Neugründung eines 29. Bundesstaates namens Telangana bekannt, worauf der TRS-Vorsitzende wieder Nahrung zu sich nahm.

"KCR" bricht sein Todesfasten ab
Trotz dieser Neuigkeiten beruhigte sich die politische Lage nicht, da nun die Befürworter eines vereinten Andhras begannen, mit den gleichen Methoden der „Telanganites” zurückzuschlagen. Auch sie initiierten gewalttätige Unruhen, riefen Hungerstreiks bis zum Tode aus und brachten sich in einer ganzen Serie um, diesmal mit Slogans gegen die Teilung Andhras auf den Lippen. Dies führte wiederum zu neuen Selbsttötungen von Seiten der Telangana-Anhänger. Während der Auseinandersetzungen revidierte die indische Regierung ihre Entscheidung und zögerte es hinaus, sich in der Frage der Teilung Andhra Pradeshs eindeutig zu positionieren. Gerade dieses Klima der politischen Unsicherheit ist verantwortlich, dass die Welle an Suiziden – der letzte Fall am 29.05.2010 – bis heute nicht abgerissen ist.
So bleibt die Lage in Andhra Pradesh weiterhin ein politisches Pulverfass und die indische Regierung befindet sich im Dilemma, immer das falsche zu tun, egal ob sie ihre Entscheidung nun aufgibt oder beibehält. Konfliktpotential besteht auch bei zahlreichen anderen regionalen Spannungen in Indien, da das Signal der Regierung, erpressbar zu sein, dazu führte, dass sofort neue Todesfasten ausgerufenen wurden, diesmal mit der Forderung nach einem unabhängigen Gorkhaland.
© Lorenz Graitl

[...] Von den deutschsprachigen Medien fast gänzlich missachtet wird etwa die Suizidwelle von Anhängern eines unabhängigen Bundesstaates Telangana, das vom indischen Andhra Pradesh getrennt werden soll. Über diese Suizidwelle und ihre gesellschaftlichen Hintergründe habe ich bereits in einem früheren Blogbeitrag berichtet. [...]
Indien: Suizidwelle für Telangana dauert an « Soziologie & Anthropologie schrieb dies am Februar 25, 2011 um 5:07 pm |